Soziale Frage

Der Begriff Soziale Frage bezeichnet alle sozialen Entwicklungen und Missstände, die im Zusammenhang mit der Entstehung der Industriellen Gesellschaft und der Ablösung der Agrargesellschaft stehen. In England war der Beginn dieses Übergangs etwa ab 1760 zu verzeichnen, in Deutschland ab dem frühen 19. Jahrhundert. Das Elend großer Bevölkerungsgruppen kann jedoch nur teilweise mit der Industriellen Revolution erklärt werden, vielmehr waren viele Missstände bereits vorher vorhanden, wurden jedoch eher als unveränderlich hingenommen bzw. die Industrialisierung funktionierte hier als Katalysator, der die Dramatik verstärkte und ins Bewusstsein brachte.

Wichtige Stichpunkte für die Ursachen und Folgen in diesem Zusammenhang sind:

Der Begriff „Soziale Frage“ findet in Deutschland insbesondere Eingang in Parteiprogramme, wie dem Eisenacher Programm (1869) der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, oder dem Gothaer Programm (1875) der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (später SPD). In der Wissenschaft taucht der Begriff ab 1848 auf.

Lösungsansätze zur sozialen Frage

Verschiedene gesellschaftliche Gruppen setzten sich mit der Sozialen Frage auseinander und boten unterschiedliche Lösungsansätze an:

Gesetzliche Regelungen gab es zunächst keine. In Preußen gab es erste rechtliche Regelungen ab 1839, die jedoch zunächst nur auf die Kinder abzielten: „Preußen erließ (...) 1839 ein „Regulativ“, das Kindern unter zehn Jahren die Arbeit in Fabriken verbot, sowie ein Sonntags- und Nachtarbeitsverbot für 10- bis 16-jährige. Im Jahr 1853 wurde das Mindestalter für die Fabrikarbeit auf zwölf Jahre angehoben (neun Jahre plus drei Jahre Schulpflicht). Zur Durchsetzung der Gesetze wurde die Gewerbeaufsicht eingeführt. Im Handwerk, Gewerbe und vor allem in der Landwirtschaft gab es aber weiterhin keinen gesetzlichen Schutz für Kinder. Obwohl Kinder fast genauso viel wie ein Erwachsener arbeiten mussten, bekamen sie nur etwa ein Zehntel des durchschnittlichen Lohnes eines Mannes.(http://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Frage).

Im Deutschen Reich kam es in den 1880er Jahren zu einer Doppelstrategie im Umgang mit der Sozialen Frage: Neben einer repressiven Politik gegenüber der politisch organisierten Arbeiterbewegung („Sozialdemokratie) mit Hilfe der „Sozialistengesetze“, reagierte der Staat (in Person des Reichskanzlers Otto v. Bismarck) mit dem Aufbau der Sozialgesetzgebung (1883 Krankenversicherung, Unfallversicherung [1884], Alters- und Invaliditätsversicherung [1889], 1891 zur gesetzlichen Rentenversicherung weiterentwickelt), um dem „berechtigten Teile der Sozialen Frage“, wie es der Kaiser formulierte, zu begegnen. Über die tatsächliche Einsicht in die Notwendigkeit solcher Regelungen hinausgehend, muss aber auch berücksichtigt werden, dass es Bismarcks Kalkül war, auf diese Weise die Arbeiterschaft vom sozialistischen Gedankengut zu lösen, was jedoch letztlich nicht gelang.



In den Kirchen entstand die sogenannte „christliche Soziallehre“. Papst Leo XIII. Veröffentliche 1891 seine Enzyklika Rerum Novarum die eine Antwort auf die Soziale Frage darstellen sollte.

„Leo XIII. erkannte in den „neuen Dingen“ (wörtliche Übersetzung), gemeint sind neue Verhältnisse und Entwicklungen oder wie es in der deutschen Übersetzung heißt: „Geist der Neuerung“, eine Gefahr für Gesellschaft und Staat. Seine Enzyklika ist in zwei Hauptteile unterteilt.

Im ersten Teil argumentiert er gegen die sozialistische Theorie der damaligen Zeit als Lösung der gesellschaftlichen Missstände. Die Aufhebung des Privateigentums und die Überführung des Einzelbesitzes in die Hand der Allgemeinheit seien nicht nur rechtswidrig und wider die natürlichen Gesetze, sondern würden der Arbeiterklasse zudem selbst schaden (RN 4, 5). Seit Bestehen der Menschheit sei der Beweggrund von Arbeit, Einsatz und Fleiß der Erwerb von Eigentum, um den nötigen Lebensunterhalt zu decken.

Der Mensch habe nach geleisteter Arbeit das Recht auf Lohn und auch das Recht, über diesen frei zu verfügen. Investiert der Arbeiter einen Teil seines Lohns in Sachgüter, so seien diese Güter der Ertrag seiner Arbeit in neuer Form. Die Umwandlung von Privatgut in Gemeingut beraube die Arbeiter demnach der Erträge ihrer Arbeit und missachte den Eigentumsanspruch, der „dem Menschen von Natur zukommt“ (RN 5). Gerade dies dürfe weder bei Einzelpersonen noch bei Familien geschehen. Die Familie als Gemeinwesen sei älter als der Staat und dürfe deshalb nicht von ihm abhängig sein. Sie „besitzt (…) die gleichen Rechte wie die bürgerliche Gesellschaft“ (RN 10) und müsse eigenständig bleiben.

Die von den Sozialisten geforderte Verdrängung der elterlichen Fürsorge verletze die Erfüllung der Elternpflicht und schränke die „väterliche Autorität“ (RN 11) ein. Dem Menschen würde das Recht auf Ehe und Familie entzogen. Papst Leo XIII. formulierte klar und unmissverständlich: „Die Lehre des Sozialismus (…) widerspricht der naturrechtlich-christlichen Eigentumslehre, bringt Verwirrung in den Aufgabenbereich des Staates und stört die Ruhe des Gemeinwesens“ (RN 12).

Zur Lösung der Arbeiterfrage nimmt er im zweiten Hauptteil Stellung, indem er den Anteil der Kirche, des Staates und der Arbeiterorganisationen bestimmt. Er beginnt mit der Unverzichtbarkeit der Religion und der Kirche. Sie ist für ihn zuständig, „die Ordnung der menschlichen Gesellschaft mitzugestalten“ (Welty 1961, S. 15). Daher müsse ihre Lehre die Grundlage zur Lösung sein: Gleichheit unter den Menschen würde und dürfe es nie geben, Unterschiede seien naturgegeben, jedoch müssten die beiden Klassen Arbeit und Kapital in Solidarität, Frieden und Einigkeit miteinander auskommen. Dabei habe der Proletarier die Pflicht, seine geschlossenen Verträge einzuhalten und dem Arbeitgeber mit seiner Arbeit zu dienen.

Gewalt und Aufstand verurteilt Papst Leo XIII. scharf (RN 16). Der Kapitalist im Gegenzug müsse den Arbeiter würdevoll achten und dürfe ihn weder nur zur Vermehrung des Reichtums benutzen noch rein an seiner physischen Leistung messen. Schutz und Rücksicht auf Wohlergehen, Alter und Geschlecht seien erforderlich.

Ebenso müsse der Arbeiter gerecht entlohnt werden. Papst Leo XIII. bezeichnet den Verstoß gegen diese für ihn „allerwichtigste Pflicht der Arbeitgeber“ (RN 17) als „großes Verbrechen, das um Rache zum Himmel schreit“ (RN 17). Zuletzt weist er auf die Bedeutungslosigkeit der irdischen Güter für das Jenseits hin und appelliert an den Gebrauch des Reichtums im Sinne der Nächstenliebe. Eine Rückkehr zur christlichen Ordnung und die helfende Rolle der Kirche in der Armenfürsorge (z. B. Caritas) sieht er als Lösung.

Bei den Aufgaben des Staates spricht sich der Papst für eine staatliche Sozialpolitik aus. Das „freie Spiel der Kräfte“ sieht Papst Leo XIII. als gescheitert und folgert daraus, dass der Staat durch Einzelpflichten wie dem Gemeinwohl entsprechende Gesetzgebung, Schutz des Privateigentums, Unterbindung von Streik, Schutz der Menschenwürde und Sonntagsruhe, Überwachung der Arbeitsverhältnisse – besonders für Frauen und Kinder –, Lohngerechtigkeit (→ Soziale Gerechtigkeit), Schutz des Geistes der Arbeiter und Förderung von Frieden und Ordnung, seiner Funktion, nämlich „das Gemeinwohl zu hüten und zu fördern“ (RN 28), gerecht werde, ohne dabei jedoch den Ursprung in Gott und die Handlungsfreiheit des Einzelnen zu missachten. Den Arbeitgeberverbänden räumt er eine naturgegebene und notwendige Rolle ein, die vom Staat anerkannt werden müsse, jedoch nicht über der des Staates liegen dürfe.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Rerum_Novarum)



Fazit:

Die Enzyklika wird als Formulierung des sogenannten „Dritten Weges“ angesehen. Das heißt, wie aus der inhaltlichen Beschreibung hervorgeht, dass weder der ungezügelte Kapitalismus, noch der sozialistische Weg zum Ziel führe, sondern ein dritter Weg zu gehen wäre, der einerseits Hilfen vom Staat verlangt, andererseits aber auch auf die Eigenverantwortung, das Subsidiaritätsprinzip, sowie die unternehmerische Verantwortung abzielt (insgesamt: Gerechtigkeit und Solidarität wichtige Stichpunkte). Dabei weist die Enzyklika keinen konkreten Weg. Allerdings können die Äußerungen Bischof v. Kettelers, als auch das Wirken des katholische Priesters Adolph Kolpings(1813-1865) in entsprechender Weise interpretiert werden.

Kurz zu Kolping (ausführlich siehe:http://de.wikipedia.org/wiki/Adolph_Kolping):

Kolping ist Gründer des gleichnamigen Kolpingwerkes und hat selbst als Handwerker die prekären Lebensbedingungen und Lebensweisen zahlreicher Handwerksgesellen kennengelernt. Im Kolpingverein sollten die Gesellen einen Halt finden, den sonst nur die Familie bieten konnte. Neben sozialer Unterstützung und Geselligkeit, sollte der Verein einen Raum für eine sinnvolle (Weiter-)bildung und Freizeitgestaltung bilden. Als einen wichtigen Baustein sah er auch die Religion.



Die Arbeiterbewegung

Die Arbeiterbewegung bestand einerseits aus den sich entwickelnden Gewerkschaften, die sich mit den konkreten Missständen (Arbeitsbedingungen, Lohnforderungen) in den Betrieben auseinandersetzen und eine Plattform für die Organisation von Protesten und unmittelbarer Durchsetzung von Arbeiterinteressen boten, sowie der sich entwickelnden Arbeiterparteien (siehe hierzu http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_deutschen_Sozialdemokratie). Sie bestand aus zwei Flügeln: Dem revolutionären, der die bestehenden Verhältnisse umkehren wollte und eine klassenlose Gesellschaft schaffen wollte, sowie andererseits den reformorientierten mittels Reformen für eine Verbesserung der Situation und mehr politischer Mitbestimmung und demokratischer Verhältnisse kommen wollten.

Maßgebliche Organisationen waren zunächst der 1863 gegründete ADAV (Lasellaner) und die sogenannten „Eisenacher“ (SDAP 1869), die sich in Gotha 1875 zur SAP zusammenschlossen. Der reformerische Flügel setzte sich durch, nicht zuletzt da auch die Gewerkschaften reformorientiert waren.

Die Sozialdemokratie fand in den Reichstagswahlen regelmäßig große Zustimmung, obwohl sie durch die Sozialistengesetze stark bedrängt wurde.

Unternehmerisches Handeln

Auch mancher Unternehmer sah ein, dass es auch für sein Unternehmen besser sei, wenn es der Arbeiterschaft besser ginge. So wurden betriebsinterne Lösungen entwickelt, die zum Beispiel die Wohnsituation verbessern halfen (Arbeiterwohnungen und -siedlungen wurden errichtet), eine Absicherung im Alter und bei Unfällen boten, auf genossenschaftlicher Basis Geschäfte für die günstige Versorgung der Mitarbeiter geschaffen usw. Im Gegenzug erwarteten die Unternehmer Treue zum Betrieb und die Abkehr von der Sozialdemokratie.

Links

Matierial zur Sozialgesetzgebung des Staates