Krisen im Vorfeld/Kriegsziele

Über die Gründe für den Krieg und die damit verbundene Kriegsschuldfrage wurde in der Vergangenheit viel diskutiert und geforscht. An dieser Stelle soll die Frage der Kriegsschuld noch nicht weiter beantwortet werden, sondern lediglich verdeutlicht werden, dass es vielfältige Aspekte zu beachten gilt, die einen Krieg auf Seiten der unterschiedlichen Akteure zumindest begünstigt haben.

Letztlich wird auch an den Kriegszielen, die un- oder auch ausgesprochen nach Kriegsausbruch schnell auf der Agenda standen durchaus ein Interesse an einer kriegerischen Auseinandersetzung bei vielen bestand:

Frankreich: Revanche, Rückgewinnung Elsass-Lothringen, Saarland gewinnen, alle linksrheinischen Gebiete kontrollieren.

Russland: gewünschter Einfluss auf dem Balkan, Zugang zum Mittelmeer

England: Wiederherstellung alleiniger Seemacht,Übernahme deutscher Kolonien

Österreich-Ungarn: Befriedung Nationalitätskonflikte, Annexion von Serbien, Montenegro, , Rumänien

Deutsche Reich: zunächst nur Sicherstellung der deutschen Großmachtstellung, während des Krieges Formulierung weiterer Kriegsziele (Vermehrung Kolonien, Vasallenstatus für Belgien und Polen).

Bündniskonstellationen

Als "Krise" können auch, die anderer Stelle schon behandelten Bündniskonstellationen betrachtet werden, die hier nicht noch einmal aufgenommen werden.

Weltmachtstreben

Unter Wilhelm II. meinte das Deutsche Reich Weltmachtstatus erlangen zu müssen und setzte alles daran diesem Anspruch Taten folgen zu lassen (militärische Aufrüstung, Kolonialpolitik, politische Rhetorik etc.).

Wettrüsten

In Europa, insbesondere zwischen Großbrittanien und dem Deutschen Reich fand ein heftiges Wettrüsten statt, das vom Deutschen Reich ausging (Flottenbau, Wilhelm II. war der Meinung, dass eine Weltmacht auch eine entsprechende Flotte haben müsse und kam damit unweigerlich in Konflikt mit der tatsächlichen Seemacht Großbrittanien).

Innenpolitische Konflikte

Russland hatte durch einen äußeren Krieg die Chance von innenpolitischen Problemen abzulenken.

Revanchismus

Ein besonderes Anliegen Frankreichs war der Revanchegedanke gegen das Deutsche Reich durch den 1870/71 verlorenen Krieg.

Marokkokrisen (1905/06 und 1911)

Anlass für die Marokkokrisen war, dass Frankreich Marokko als seinen Einflussbereich betrachtete und dies mit Hilfe Englands auch abgesichert werden sollte. Dies lief den deutschen Wirtschaftsinteressen zuwider.

1. Marokkokrise: In der Algeciras-Konferenz von 1906 konnte das Deutsche Reich zwar die faktische Übernahme der marokkanischen Märkte durch Frankreich verhindern, dennoch wurde seine Isolation sichtbar, zumal seine Ansprüche auf der Konferenz nur von Marokko selbst und auf der internationalen Bühne von Österreich-Ungarn unterstützt wurden.

2. Marokkokrise: 1911 marschierten französische Truppen nach Marokko ein und besetzten Fès und Rabat.  Frankreich führte an, dass es durch die Intervention einen Bürgerkrieg verhindern und die Autorität des Sultans stärken wollte. Nach dem Einmarsch der französischen Truppen dementierte der Sultan jedoch, um Hilfe gebeten zu haben. Trotzdem zeigte er sich dankbar für die Niederschlagung der gegen ihn gerichteten Aufstände. Während der französischen Aktion begann auch Spanien seine Truppen in Alarmbereitschaft zu versetzen, da sich das Königreich durch die militärische Präsenz Frankreichs im direkten Nachbarland in seinen Interessen bedroht sah.

Das Deutsche Reich reagierte mit der Entsendung des Kanonenboots Panther, um die Deutschen Interessen geletend zu machen (genannt "Panther-Sprung).  Zum Einen sollte die Agadir-Aktion einen Keil zwischen die Bündnispartner Großbritannien und Frankreich treiben, zum Anderen schwebten dem Staatssekretär mittelafrikanische Kompensationen vor. Im Marokko-Kongo-Abkommen wurden afrikanische Gebiete getauscht, allerdings musste sich das Deutsche Reich darauf einlassen, dass Frankreich nun freie Hand in Marokko erhielt.

Krise in Osteuropa/Balkan

Im Südosten Europas lag das Großmachtpolitik treibende Osmanische Reich. Bei den Staaten des Balkans handelte es sich um kleinere Staaten, die in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg nach Unabhängigkeit strebten und es so sowohl mit Österreich-Ungarn als auch mit dem Osmanischen Reich zu Auseinandersetzungen kam.

Besonders im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn „brodelte“ es erheblich zwischen den verschiedenen Volksgruppen. Zudem stand die Habsburgermonarchie in krassem Gegensatz zum russischen Zarenreich, das sich als Sprecher der slawischen Völker unter „Wiener Herrschaft“ sah, den Panslawismus förderte und als Schutzmacht des (unabhängigen) Königreichs Serbien auftrat.

1912/1913 kam es zu den sogenannten Balkankriegen. Der erste ging gegen das zerfallende Osmanische Reich gerichtet waren (Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland nehmen den Türken fast kompletten europäischen Besitz). Der zweite Balkankrieg war einen Auseinandersetzung der vorherigen Bündnispartner gegen die Türkei. Bulgarien versuchte Serbien einen Teil der Kriegsbeute abzujagen, verlor jedoch. Serbien konnte sein Gebiet verdoppeln und die Spannungen zwischen Serbien und Russland einerseits und Österreich-Unganr andererseits stiegen weiter.

Der Tropfen , der das Fass zum Überlaufen brachte, war, dann am 28. Juni 1914 das Attentat von serbischen Nationalisten auf den österreichischen Thronfolger.